Aus dem Nähkästchen geplaudert

Offenes Nähkästchen mit handschriftlichem Brief

Die gepflegte Dame des 19. Jahrhunderts besaß ein Nähkästchen, in dem sie ihr Handwerkszeug wie Nadel, Faden, Fingerhut und Schere aufbewahrte. Klar, dass Männer an diesem Ort eigentlich nichts zu suchen hatten. Folglich galt in Frauenkreisen das Nähkästchen als der sicherste Ort für jegliche Angelegenheiten, die vor der Herrenwelt verborgen bleiben sollten.

So bewahrten sie ihre Liebesbriefe – und nicht immer nur die ihrer Ehemänner – genau in diesem Versteck auf. Dieses war nur leider nicht immer so sicher, wie sie annahmen. Das musste Effi Briest in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman von 1895 schmerzlich erfahren. Sie versteckt an einem sicher geglaubten Ort – ihrem Nähkästchen – die Liebesbriefe ihres Geliebten Major von Crampas. Die Affäre ist schon lange vorbei als Effi von zuhause fort bei einem Kuraufenthalt weilt, da findet aufgrund eines dummen Zufalls ihr Ehemann Baron Geert von Innstetten diese Briefe in ihrem Nähkästchen. Erst zögert er, doch dann glaubt er die Handschrift zu erkennen. Die Neugier übermannt ihn und er beginnt die Briefe zu lesen.

Diese Worte waren nie für seine Augen bestimmt und kränken ihn ungemein. Er will, um seinen Ruf zu wahren, Vergeltung und es kommt zum Showdown: Innstetten fordert Crampas zum Duell, Effi wird von der Gesellschaft ausgeschlossen, ja sogar von ihren Eltern verbannt und stirbt schließlich einsam und verlassen mit jungen 30 Jahren.

Der Roman war Anfang des 20. Jahrhunderts so populär, dass sich ausgehend von dieser Schlüsselszene, die Redewendung „aus dem Nähkästchen plaudern“ gebildet hat. So verrät heute jemand etwas streng Geheimes, oder gibt einen sehr privaten Schatz preis, wenn er „aus dem Nähkästchen plaudert“.

Und was hab Ihr so in Eurem Nähkästchen versteckt? Habt Ihr überhaupt noch eins?

Zuerst veröffentlicht in der wunderbaren Holunderelfe – Zeitschrift für Waldfeen, Textilkünstlerinnen und Kräuterweiber – Ausgabe 9, Winter 2018, Oberthema: Schätze