Fair-Isle-Muster entwerfen und stricken

Verschiedene Strickstücke im Fair-Isle-MusterBunte Farben tanzen lustig in Maschen übers Gestrick – auch so könnte ich gestrickte Fair-Isle-Muster beschreiben. Und wer denkt nicht an diese typisch buntgestrickten Pullover, die für mich untrennbar mit windigem Wetter, Rosinenbrötchen, duftendem Tee und Großbritannien verbunden sind. Aber was verbirgt sich hinter dem Begriff „Fair-Isle“?

Das Fair-Isle-Stricken ist eine nach der Insel „Fair Isle“ benannte Stricktechnik. Dieses kleine Eiland ist die abgelegenste, von Menschen bewohnte Insel des Vereinigten Königreichs. Sie gehört als die südlichste Insel zu den schottischen Shetlands, die in der Nordsee zwischen Schottland und Norwegen liegen. Auf Fair Isle leben heute 55 Menschen. Fair Isle ist heute bekannt als Vogelparadies und vor allem für seine Wollpullover mit den traditionellen Fair-Isle-Mustern. Das Stricken stellt somit auch heute noch einen wichtigen Einkommensfaktor der Frauen auf der Insel dar.

Die Bezeichnung „Fair Isle“ wird oft für alle Arten von mehrfarbigem Stricken von Einstrickmustern verwendet. Aber eigentlich ist mit „Fair Isle“ die Stricktechnik gemeint, die die charakteristischen Farben und Mustern der Shetland Inseln verwendet:

Beim Fair-Isle-Stricken wird traditionell glatt rechts in Runden gestrickt. Es werden mehrere Farben verwendet, allerdings dürfen in einer Runde maximal zwei Farben verwendet werden, wobei jede Runde ein anderes Muster haben muss. Charakteristisch für Fair-Isle sind Bänder von geometrischen Mustern. Bei Puristen gilt ein Strickstück sogar nur dann als Fair-Isle, wenn es auch aus Shetland Wolle gestrickt wurde.

Es ist relativ einfach, eigene Fair-Isle-Muster selbst zu entwerfen. Du musst dabei nur ein paar Regeln anwenden und diese will ich hier kurz erläutern. Schnell wirst Du merken, wie interessant dieser Prozess ist und wie viel Spaß das Ganze macht.

Die Muster

Ein Fair-Isle-Muster muss zwei Dinge erfüllen:

  1. Es dürfen in einer Reihe nur zwei Farben vorkommen – eine Muster- und eine Hintergrundfarbe. Beide müssen sich recht häufig abwechseln.
  2. Das Muster muss diagonale Linien bevorzugen und vertikale Linien eher vermeiden.

Beide Regeln haben stricktechnische Gründe: Die erste Regel hat den praktischen Hintergrund, dass wir zwei Hände haben und somit beim Fair-Isle-Stricken in jeder Hand ein Garn gehalten können. Weiter sollen durch den häufigen Farbwechsel lange Schlaufen auf der Rückseite des Gestricks vermeiden werden. Diese entstehen, wenn das gerade nicht benötigte Garn hinter der Arbeit mitgeführt wird. Sind die Schlaufen zu lang, bleibt man beim Anziehen gerne mit den Fingern darin hängen und reißt sie im schlimmsten Fall durch. Traditionell wird das Garn nicht über mehr als sieben Maschen mitgeführt.

Rückseite einer in Fair-Isle gestrickter Rundpasse

Die zweite Regel ist besonders für große Strickstücke wichtig. Bei einem Farbwechsel kreuzen sich Muster- und Hintergrundgarn. An diesem Punkt entsteht Spannung, die das Gestrick zusammenziehen kann. Durch diagonalen Linien sind diese Kreuzungspunkte in den Reihen jeweils an anderen Stellen. So verteilt sich die Spannung auf das gesamte Strickstück und es entsteht ein festes, aber elastisches Gestrick. Vertikale Linien sind nicht so elastisch und sollten daher eher vermieden werden.

Darüber hinaus haben die meisten Fair-Isle-Muster eine ungerade Reihenzahl und sind symmetrisch. Neben dem ästhetischen Ergebnis haben diese Muster den praktischen Vorteil, dass sie leichter zu merken sind.

Klassische Mustertypen

Die Fair-Isle-Muster werden anhand ihrer Reihenanzahl in grobe Kategorien eingeteilt.

Peeries: 1 – 7 Reihen

Sie trennen größere Muster voneinander

Peerie - Randmuster

Borders: 8 – 15 Reihen

Border-Muster

Large Patterns: 17 – 19 Reihen

Große Muster wie z. B. das „OXO-Muster“. Es besteht aus 6- oder 8-seitigen Rauten, die ein „O“ darstellen und verbindenden Kreuzen.

Klassisches OXO-Muster

Die Farben

Obwohl nur zwei Farben pro Reihe verwendet werden dürfen, gibt es doch unendlich viele Möglichkeiten der Farbgestaltung. Im Extremfall könnten Muster- und Hintergrundfarbe von Reihe zu Reihe variieren.

Farben eines typischen Fair-Isle-Musters

Die nachstehende Abbildung zeigt ein traditionelles 15-Reihen-Muster mit acht Farben. Sowohl die Muster- als auch die Hintergrundfarbe spiegeln sich an der Mittelreihe. Die mittlere Reihe wird durch eine kontrastreiche und lebhafte Farbe markiert. Das ist sehr typisch, allerdings keine feste Regel.

Ein weiteres Gestaltungselement ist die Farbabstufung zum Zentrum hin, von hell nach dunkel und wieder nach hell. Die Hintergrund- und die Musterfarbe in der obigen Abbildung wird zum Zentrum hin dunkler und nach außen wieder heller. Das verleiht dem Muster Tiefe und das Farbschema erscheint ausgeglichen. Das Muster wirkt harmonisch, da der Kontrast der beiden Farben so relativ konstant bleibt.

Merke: Stelle sicher, dass der Kontrast zwischen Hintergrund- und Musterfarbe ausreichend ist, aber nicht extrem, so dass das Muster eindeutig zu erkennen und trotzdem ausgeglichen ist. Ähneln sich die Muster- und die Hintergrundfarbe, kann dies einen zarten, schattierten Effekt erzeugen.

Eigene Muster entwerfen

Beachtest Du nun die oben beschriebenen Regeln, ist es sehr einfach, durch das Variieren einer Grundform, wie z. B. einer Raute, eigene Muster zu gestalten.

Entstehung eines eigenen Fair-Isle-Musters

Anmerkungen zur Farbgestaltung

  • Du kannst nur die Mittelreihe durch ein oder zwei Kontrastfarben verändern.
  • Du kannst nur die Musterfarbe ändern und die Hintergrundfarbe konstant lassen.
  • Beachte, dass der farbliche Effekt immer auch vom Muster abhängt. Es macht einen Unterschied, ob das Muster aus feinen Linien oder flächigen Formen besteht.
  • Farben transportieren Stimmungen. Versuch mal ein und dasselbe Muster in unterschiedlichen Farben.
  • Versuche mit nur zwei Farben und ihren Farbabstufungen ein Muster zu gestalten.
  • Es ist wichtig zu wissen, dass Farbschemata nicht kompliziert sein müssen, um effektiv zu sein. Ein einfaches Farbschema mit einem passenden Muster kann wunderbar funktionieren.

Die Stricktechnik

Fair-Isle wird traditionell glatt rechts in Runden gestrickt. Das hat drei Vorteile:

  1. Man sieht beim Stricken immer die Vorderseite seines Strickstücks und kann so das Muster auf Richtigkeit überprüfen.
  2. Es werden immer nur rechte Maschen gestrickt. Das geht schnell und das Strickstück wird recht gleichmäßig.
  3. Durch das Stricken in Runden muss nichts zusammengenäht werden. Das spart Zeit und erzeugt ein schöneres Kleidungsstück, da es keine dicken Nähte gibt.

Wie oben bereits erwähnt, werden die Fäden der beiden Farben beim Fair-Isle-Stricken in jeweils einer Hand gehalten. Diese beidhändige Stricktechnik braucht etwas Übung, führt aber zu einer gleichmäßigeren Fadenspannung und ist außerdem sehr schnell. Man sollte darauf achten, dass man das Hintergrundgarn und das Mustergarn immer in der gleichen Hand hält. So verheddern zum einen die Garne nicht und zum anderen kommen sie immer gleich zur Geltung.

Das Garn

Puristen behaupten, der Begriff „Fair Isle“ kann nur für Stücke gelten, die mit der richtigen Technik, mit den richtigen Mustern und aus dem richtigen Garn gestrickt wurden. Mit „richtigem Garn“ ist dabei ausschließlich original Shetlandwolle gemeint. Aber natürlich können auch andere Garne verwenden werden, solange sie der Charakteristik von Shetlandwolle nahekommen. Am besten eignet sich daher reine, unbehandelte Wolle. Wer auch das nicht so eng sieht, kann sich gern einmal an Garnen wie z. B. Baumwolle versuchen.

Weiterführende Literatur:

Alice Starmore: Alice Starmore’s book of Fair Isle knitting.

Mary Jane Mucklestone: 200 Fair Isle Designs. Knitting charts, combination designs and colour variations.

Knitsonik: Stranded colourwork sourcebook by Felicity Ford.

Bei Fragen oder Rückmeldung schreibt mir gerne: mail@kunschtwerk.de

Viel Spaß beim Ausarbeiten Eurer Muster wünscht Euch Barbara von kunschtwerk.de

 

 

Aus dem Nähkästchen geplaudert

Offenes Nähkästchen mit handschriftlichem Brief

Die gepflegte Dame des 19. Jahrhunderts besaß ein Nähkästchen, in dem sie ihr Handwerkszeug wie Nadel, Faden, Fingerhut und Schere aufbewahrte. Klar, dass Männer an diesem Ort eigentlich nichts zu suchen hatten. Folglich galt in Frauenkreisen das Nähkästchen als der sicherste Ort für jegliche Angelegenheiten, die vor der Herrenwelt verborgen bleiben sollten.

So bewahrten sie ihre Liebesbriefe – und nicht immer nur die ihrer Ehemänner – genau in diesem Versteck auf. Dieses war nur leider nicht immer so sicher, wie sie annahmen. Das musste Effi Briest in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman von 1895 schmerzlich erfahren. Sie versteckt an einem sicher geglaubten Ort – ihrem Nähkästchen – die Liebesbriefe ihres Geliebten Major von Crampas. Die Affäre ist schon lange vorbei als Effi von zuhause fort bei einem Kuraufenthalt weilt, da findet aufgrund eines dummen Zufalls ihr Ehemann Baron Geert von Innstetten diese Briefe in ihrem Nähkästchen. Erst zögert er, doch dann glaubt er die Handschrift zu erkennen. Die Neugier übermannt ihn und er beginnt die Briefe zu lesen.

Diese Worte waren nie für seine Augen bestimmt und kränken ihn ungemein. Er will, um seinen Ruf zu wahren, Vergeltung und es kommt zum Showdown: Innstetten fordert Crampas zum Duell, Effi wird von der Gesellschaft ausgeschlossen, ja sogar von ihren Eltern verbannt und stirbt schließlich einsam und verlassen mit jungen 30 Jahren.

Der Roman war Anfang des 20. Jahrhunderts so populär, dass sich ausgehend von dieser Schlüsselszene, die Redewendung „aus dem Nähkästchen plaudern“ gebildet hat. So verrät heute jemand etwas streng Geheimes, oder gibt einen sehr privaten Schatz preis, wenn er „aus dem Nähkästchen plaudert“.

Und was hab Ihr so in Eurem Nähkästchen versteckt? Habt Ihr überhaupt noch eins?

Zuerst veröffentlicht in der wunderbaren Holunderelfe – Zeitschrift für Waldfeen, Textilkünstlerinnen und Kräuterweiber – Ausgabe 9, Winter 2018, Oberthema: Schätze

Mai – dieser Monat ist ein Kuss

Dieser Monat ist ein Kuss,
den der Himmel gibt der Erde,
dass sie jetzund eine Braut,
künftig eine Mutter werde.
(aus dem Sinngedicht „Der Mai“ (1654) von Friedrich von Logaus (1604-1655)

 

Endlich ist er da – der Mai! Wusstet ihr, dass der Monat Mai früher „Blumenmond“ genannt wurde, da jetzt die meisten Blumen blühen? Das finde ich wirklich sehr bildhaft und lyrisch. Die deutsche Sprache kann doch wirklich schön sein. Und tatsächlich bereitet uns der Mai ein wahres Feuerwerk an Farben, als ob uns die Natur einen Startschuss geben möchte und sagt: „Jetzt aber los“. In einem alten Volkslied heißt es „Alles neu macht der Mai“ und irgendwie ist da ja was dran – schließlich macht er aus kalt warm, aus grau bunt. Er ist der Monat des Neubeginns, der neue Chancen und Hoffnungen in sich trägt und die Energie dafür liefert er auch gleich mit. Und so regt sich auch in mir ein magischer Neustart, aber davon in Kürze mehr.

Gänseblümchen

 

Auf jedem Fall ist die Welt nun wieder hell und licht, voller Farben, Blüten, Heiterkeit und Leichtigkeit. Beim Aufwachen morgens höre ich Vogelgezwitscher, als ob die Vögel den Frühling ebenfalls feiern. Ich freue mich auf meinen morgendlichen Tee auf meiner sonnigen Terrasse und staune über das Erwachen des Lebens. Ich halte meine Nase in die sanfte Brise, die mir den unglaublichen Geruch von neu erwachenden Bäumen und Sträuchern in die Nase weht. Die Welt riecht im Frühling wie neugeboren, findet ihr nicht? Der Mai lässt mich aufatmen, macht meine Seele wieder munter und zieht mich hinaus auf die Wiesen und in die Wälder.

Abendstimmung auf der Wiese

 

Auch das Vieh hat man früher im Mai wieder auf die Weiden getrieben und so führte Karl der Große im 8. Jahrhundert den Namen „winnimãnõd“ ein, was eigentlich „Weidemonat“ bedeutet. Das alte Wort „winne“ für „Weide“ verstand man im 16. Jh. nicht mehr und in „Wonne“ umgedeutet. Allerdings finde ich den Namen „Wonnemonat“ ja auch sehr schön, denn Freude bringt der Mai ja allemal. Der heutige Name „Mai“ kommt übrigens von der römischen Göttin Maia. Sie gilt als Großmutter der Magie und jungfräuliche Frühlingsgöttin, die uns Wärme und Wachstum bringt – und das passt ja auch. 

 

Das führt mich zum nächsten Symbol im Mai: den Maibaum. Er steht für die Blüte, das Wiedererwachen der Natur und stellt die Verbindung zwischen Himmel und Erde dar. Dabei sind die Ursprünge dieses Brauchs immer noch unklar. In der Romantik des 19. Jh. wurde er als Phallus gedeutet, der für Fruchtbarkeit und reiche Ernte sorgen sollte. Diese These wird heute allerdings verworfen. Oft werden germanische Riten als Ursprung genannt, da den Germanen Wälder und Bäume heilig waren. So wie wir den Maibaum heute kennen, kommt er aus dem 16. Jh. Damals diente er allerdings auch anderen Zwecken: als Kirchweihbaum, als Ehrenmaibaum für einzelne Personen oder als mit Preisen behängte Kletterstange. Erst seit dem 19. Jh. ist er als Symbol des Selbstbewusstseins einzelner Orte als Ortsmaibaum zu sehen.